Sonntagsreflexion – Klappe die Erste

21.10.2018

Sonntag. Der letzte Tag der Woche. Doch warum sehnen wir uns das Wochenende immer so sehr herbei und verfluchen gleichzeitig die kommende Arbeitswoche?

Ich bin der Überzeugung, dass die Antwort nicht allein in der Tatsache zu finden ist, dass wir an diesen beiden Tagen nicht zur Arbeit gehen müssen (zumindest die meisten von uns). Viele – mich eingeschlossen – buchen sich regelrecht ihre freien Zeiten unter der Woche zu, denn „irgendwann, müssen die ganzen Dinge ja erledigt werden“. Doch warum ist das so? Warum sind die Werktage das Pflichtprogramm und das Wochenende die Kür? Warum hetzen wir von Montag bis Freitag durch den Alltag während wir Freitagabends bis Sonntagnachmittags Scheuklappen aufsetzen und regelrecht in eine Parallelwelt abtauchen? Ein paradiesischer Zustand, in dem ich einfach mal „nur das tue, worauf ich Lust hab“. (Bis mir Sonntagabend einfällt, dass ich ja morgen wieder zur Arbeit „muss“.)

Ich werde diesen Eintrag deshalb dazu nutzen, mich nicht in der Wochenendleichtigkeit zu suhlen sondern stelle mir stattdessen folgende Fragen:

  1. Was unterscheidet eigentlich das Wochenende von den Werktagen und…
  2. was davon kann ich mir für mehr Gelassenheit unter der Woche bewahren? 

Ich freue mich über Deine Kommentar, Deine Erfahrung und Deine Strategie, die die Woche für Dich lebenswerter machen. Vielleicht kannst Du dich ja auch von mir inspirieren lassen.

– – –

>>Geschafft. Jetzt einfach nur noch ab ins Auto und heim. Hirn abschalten, was leckeres Essen, vielleicht zum Sport – aber nur wenn ich Lust hab‘ – und danach ab auf’s Sofa, Serie schauen.<< Mit diesem Gefühl habe ich schon an so vielen Freitagen das Büro verlassen. Ein Gefühl der Erleichterung. Ich habe lange Jahre diesen Fehler im System nicht realisiert. Deshalb hatte ich gar nicht die Chance, diese Tatsache zu reflektieren und diese Blockade zu knacken.

Doch es ist nicht nur die Pflicht zur Erbringung meiner Arbeitsleistung, die ich gegen Geld an meinen Arbeitgeber verkaufe. Auch mir selbst gegenüber bin ich fordernd und missgünstig. Ich muss dies… Ich muss jenes…:

  • mich melden bei Familie, bei Freunden und Bekannten
  • Zeit mit meinem Partner verbringen
  • Zuhause Ordnung halten
  • Papierkram machen
  • Gitarre spielen
  • Einkaufen
  • zum Sport
  • Lesen
  • Entspannen

Ja, „Ich MUSS mich entspannen“ ist tatsächlich ein Glaubenssatz, der teilweise wie ein Mantra in meinem Kopf herumspukt. Komisch, dass sich das Gefühl von Entspannung dabei nicht einstellt. Kein Druck und so…

Ich habe außerdem einen Nebenjob, in dem ich meistens Samstagsvormittags im Frühdienst von 6:00 -14:00 Uhr  arbeite. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass mir das Aufstehen nicht schwer fällt. Und trotzdem fühle ich mich am Abend zuvor nicht unter Druck gesetzt oder gehetzt. Und wir reden hier nicht von einem Job, der mich in der Tiefe meiner Seele erfüllt. Er ist okay. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mein Wochenende deshalb erst später beginnt und deshalb kürzer ausfällt. Ich fühle mich nicht in meiner heiligen Zeit beschnitten.

Wie also kommt diese Negativität, dieser Druck und diese permanente Unzufriedenheit zustande?

Perfektionismus.

Das ist in meinem Fall die Antwort. Zufriedenheit ist nur erlaubt, wenn alles erledigt, abgearbeitet und optimal gelöst ist. Also nie. Ich habe mich darauf konditioniert zu leisten (möglicherweise ein Resultat aus Einigem über das ich in About me berichte). Manchmal führt das sogar dazu, dass ich am Wochenende blind weiter meine To-do-Liste abarbeite. Sonntagsabends fällt mir dann auf, dass ich eigentlich gar nicht ausreichend erholt bin, um leistungsfähig in die neue Arbeitswoche zu starten.

Mein Erleben hat gezeigt, dass es selten die äußeren Rahmenbedingungen sind, die über Positivität oder Negativität bestimmen, sondern die persönliche Einstellung, das Ego. Selbstverständlich gibt es enorm belastende Situationen, die wir nicht oder nur sehr bedingt beeinflussen können. Dazu gehört zum Einen die Fähigkeit, negative Gefühle auszuhalten. Ich nennen es ganz bewusst „Fähigkeit“, denn diese Tatsache entscheidet häufig über den kleinen aber feinen Unterschied, ob wir mental untergehen, oder uns über Wasser halten, bis die Flut zu Ende geht.

Daneben ist es für mich entscheidend zu bewerten, ob ich die Situationen so verändern kann, dass sie aushaltbar für mich wird. Ist die Antwort nein, dann ist die beste Entscheidung immer, die Situation zu verlassen. So gerade geschehen, mit meiner Entscheidung meine berufliche Qualifikation Qualifikation sein zu lassen und einen neuen, völlig anderen Weg einzuschlagen (dazu wird es einen weiteren Post geben).

Die eigene Einstellung verändern für mehr Lebensqualität. Klingt immer so easy. Ist es aber leider nicht. Perfektionismus ist, wie viele andere Eigenschaften auch, eine Sache des Egos. Das Ego behindert uns immer. Es gibt keine Situation in der Ego förderlich ist. Man sollte es nicht mit Charakter, Moral oder Einstellung verwechseln. Also habe ich es mir zum Ziel gemacht, mein Ego mundtot zu machen, ihm kein Stimmrecht zu lassen. Und zu diesem weiten Weg gehören zumindest einige, völlig banale Dinge:

  1. Ich schreibe keine To-do-Listen mehr. Was tatsächlich, rein objektiv betrachtet, erledigt werden muss, bekommt einen Kalendereintrag in meinem Smartphone, alles andere schiebe ich auf die lange Bank. Ja, vielleicht werden einige Dinge manchmal von einer Option zu einer Pflicht, wenn ich sie lange verschiebe. Na und? Hat mit dem Lernen vor Klausuren auch immer prima geklappt. Immer optimal? Nein. Das ist mir aber auch nicht wichtig.
    Dazu ein kleiner Ausflug: In einer Motivationsanalyse erhielt ich von dem Motivationspsychologen Dr. Josef Merk folgende Rückmeldung: „Du bist ein Try-and-Error-Typ – ein 80%iges Ergebnis ist für Dich auch okay, Geschwindigkeit und Entscheidungsfreude kennzeichnen dich.“ Es war mir vorher nie bewusst und umso mehr hat es mich gefreut, wie treffend mich diese Aussage beschreibt. Es gibt Dinge, die ein 100%iges Ergebnis erfordern und dann gebe ich sie auch. Generell renne ich aber los und nehme auch ein Scheitern in Kauf – dann eben neu.
  2. Ich reflektiere Situationen und Emotionen gezielt. Eine wichtige Grundlage davon ist die Beschaffung vielseitiger Informationen und Blickwinkel durch Bücher, Videos und Podcasts. Ich nutze einen Lebenskalender, in dem ich jeden Tag abstreiche, der in meinem Leben vorübergeht. Es hilft, mir immer wieder bewusst zu machen, dass ich mir meine Zeit nur selbst so erfüllend wie möglich gestalten kann. Wenn mir danach ist, schreibe ich inspirierende, motivierende oder eindrückliche Zitate oder Gedanken in ein Buch. In schlechten Momenten nehme ich es zur Hand. So kann ich mir positive Impulse bereiten in Situationen in denen ich nur Schwarz sehe.
  3. Der folgende Punkt wirkt in dieser Liste sicherlich etwas deplatziert, ist aber von zentraler Bedeutung: Ich ernähre mich gesund und ausgewogen. „Du bist was du isst.“ Sicher kennst Du diesen Spruch. Die These vertraten schon vor Tausenden von Jahren buddhistische und yogiistische Schriften (z.B. die sogenannte Bibel des Ostens, die Bhagavad Gita entstanden zwischen dem 5. und 2. Jahrhundert vor Christus).
    Ich bin mir sicher, Du kennst das Fresskoma nach einer deftigen Mahlzeit oder auch einfach nur zu vielen Kohlenhydraten. Das wirkt sich auf’s Gemüt aus und deshalb vermeide ich es.
  4. Bewegung und frische Luft gehören zu meinen Prioritäten. Bevor ich zu Hause das Bad putze um meinen Perfektionismus zu nähren, gehe ich heute lieber zum Sport oder mache einen Spaziergang. Auch Yoga ist mittlerweile ein zentraler Bestandteiles meines Entspannungsritus. Die mentale Fokussierung auf den Körper, das „nach Innen horchen“, lässt mich alle Was-wäre-wenn’s oder Ich-muss-noch’s vergessen und nur im Moment ankommen. Dabei in Bewegung zu sein hilft mir enorm. Meditation hingegen ist ein Werkzeug, dass sich mir noch nicht erschlossen hat. Vielleicht zu einer anderen Zeit.

Habe ich in diesem Beitrag die Frage beantwortet, wie ich die Wochenendgelassenheit besser mit in die Woche nehmen kann? Nein, sicher nicht. Ich stelle vielmehr die Hypothese auf, dass Gelassenheit eine ganzheitliche Lebenseinstellung ist. Gelassenheit und Zufriedenheit gehen einher miteinander. Nur wenn ich mehrheitlich zufrieden in meinem Alltag bin, wird sich Gelassenheit, Ruhe, einstellen. Über Zufriedenheit, das Einstehen für sich selbst und die Übernahme von Eigenverantwortung möchte ich in einem weiteren Beitrag schreiben.

Ich freue mich, wenn Du meinem Weg dort hin etwas abgewinnen kannst und bin um jeden Tipp dankbar, der mir diesen Prozess erleichtert.

Auf eine verdammt geile Woche!

#fuckperfectionism #makemondaysgreatagain

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Zu diesem Beitrag hat mich hauptsächlich ein Podcast von Tim Ferris inspiriert, den ich kürzlich gehört habe. Dabei interviewt er Ryan Holiday – Autor und ehemaliger Marketingguru – zu seinem Buch „Ego is the enemy“. Wenn Du interessiert bist, solltest Du unbedingt hier rein hören.

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