Erdung und Entspannung

Wenn wir im Westen sagen „Ich muss unbedingt mal wieder runter kommen“, dann glauben wir oft, mit ein wenig Nichtstun erreichen wir den ersehnten Zustand der Entspannung. Für mich sah das in etwa immer so aus: Ein Tag – meistens am Wochenende – den ich daheim verbringe und mein einziger Weg von Sofa zur Küche oder ins Badezimmer und zurück führt. Ich habe mich oft gewundert, warum ich am nächsten Tag noch erschöpfter aufgewacht bin, als vorher.

Jede Emotion, jeder Gedanke, jedes Erlebnis, Handeln oder Erfahren wirkt sich auf verschiedenen Ebenen auf Dich aus.

Geistig, Seelisch, Körperlich

Der Großteil unserer Gesellschaft nimmt jedoch maximal die physischen Effekte eines Reizes wahr: Wenn Du dich müde und abgeschlagen fühlst, Kopf- oder Rückenschmerzen hast, kurzatmig bist oder Deine Augen brennen, dann erst spürst Du, dass etwas im Argen ist. Oft glauben wir dann, „etwas auszubrüten“. Im weitesten Sinne ist das auch gar nicht so falsch, aber eben nicht so, wie wir gelernt haben es zu interpretieren.

Manchmal wird der Körper tatsächlich krank, wenn wir ihn zu sehr gepusht und seine Signale zu lange ignoriert haben. Er zwingt uns dann in die Horizontale. Ein Spruch, den Du sicher schon einmal benutzt hast, wenn es darum ging, einfach mal nichts zu tun und Dich auszukurieren. Dieser Spruch hat folgenden Hintergrund:

Das Senkrechte, Aufrechte, Aktive, Erschaffende, Aggressive steht für die männliche Energie. Das Waagrechte, Empfangende, Pflegende, Geschehenlassende, Sensible steht für die weibliche Energie. Was nach einem Stigma klingt, ist energetisch sehr wichtig:

Jeder von uns – ob Männlein oder Weiblein – vereint diese beiden Energien in sich. Es ist sogar notwendig, dass wir sie beide kultivieren. Wer zu einseitig agiert, fühlt und denkt, wird früher oder später vom Körper gezwungen Ausgleich herzustellen. Betrachten wir die Natur: Tag und Nacht, Sommerblüte und Winterdürre, Sonne und Regen, Leben und Tod. Sie lebt uns ein Leben in Geggensatzpaaren vor. Gegensatzpaare, die sich auf allen Ebenen weiterspinnen lassen: Dankbarkeit und Ablehnung, Trauer und Freude, Wut und Gelassenheit, Entspannung und Anspannung. Stehen sie augenscheinlich im Widerspruch zueinander, sind sie in Wahrheit untrennbar miteinander verbunden. Wie die berühmten zwei Seiten einer Medaille. Und in jedem Ungleichgewicht ist das natürliche Ziel Ausgleich herzustellen.

Du kannst niemals nur tätig sein, ohne Momente der Untätigkeit. Könntest Du Freude überhaupt spüren, wäre Dir die Kehrseite der Trauer nicht bekannt? Die Magie der Nähe und Verbindung zu einem anderen Menschen energetisiert Dich, weil Du das Gefühl der Trennung kennst.

So oft reagieren wir erst, wenn uns unser Körper zwingt es zu tun, wenn er rebelliert. Wir zwingen uns im Tun zu bleiben, so lange bis es nicht mehr geht. Gerade wir Frauen haben uns im Zuge der Emanzipation „maskulinisiert“. Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein sind heute Attribute, mit der wir eine moderne Frau beschreiben. Von diesen Faktoren ist nicht ein einziger feminin. Diese Beschreibung passt auch wunderbar auf einen Mann.

Wir dürfen all das tun, wenn wir dabei nicht vergessen, schwach zu sein. Wenn wir Entspannung als Bedingungen für Aktivität betrachten und uns bewusst machen, dass wir das Eine nicht ohne das Andere kultivieren können.

Entspannung geht weit über die körperliche und über die geistige Ebene hinaus. Zur körperlichen Entspannung hast Du bestimmt eigene Strategien entwickelt: Sport, Sauna und Wellness, Massage. Zur geistigen Entspannung wird unser Skillset schon deutlich kleiner: Zocken, Serie schauen, Musik machen, Kochen oder Backen. Doch wie entspannst Du dich auf seelischer Ebene und warum ist das eigentlich relevant?

Wovon wir getrieben sind, was wir im Leben suchen, unsere primären Gefühle, unterbewusste Glaubenssätze und wiederkehrende Gedanken sind auf der Seelenebene tief verankerte, meist unbewusste Automatismen. Sie verführen uns immer wieder zu denselben Handlungen. Handlungen die uns oft nicht gut tun, die zu einem unerklärlichen Gefühl der Rastlosigkeit führen. Es ist mit intensivem Fokus möglich, Deinen Blick zu schärfen für Deine seelischen Muster und so in einem langen Prozess stärker in Deinem puren Selbst, als in Deinen alten Mustern zu leben und darüber insgesamt eine größere Ausgeglichenheit zu erlangen.

Für diesen Prozess kann man sich entscheiden oder auch nicht. Vielleicht spürst Du gegenüber energetischer Betrachtungsweise eine Blockade. Möglicherweise ist sie nicht, oder noch nicht die angemessene Strategie für Dich. Doch eines funktioniert immer und mit absoluter Sicherheit: Die Verbindung zur Natur.

Es wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass bei jeder Natur-Mensch-Interaktion ein energetisch messbarer Austausch stattfindet. Ein anderer Begriff für Entspannung ist Erdung. Erdung bedeutet, dass Du dich wieder sammelst an Deiner Basis. Dass Du für einen Moment los lässt, was Dich festhält. Dass Du für einen Moment bist, nicht musst. Für mich ist Erdung die tiefste Form der Entspannung. Denn sie übersteigt die körperliche und geistige Ebene und wirkt nachhaltig auf unsere Seele.

Verbindung mit der Natur meint ganz banale Dinge, wie einen Spaziergang im Wald, am Feld, am See, in den Bergen – genau da, wo es sich für Dich gut anfühlt. Denn wir alle haben diese innere Verbindung zu bestimmten Landschaften oder Orten, die uns umgehend mit einer tiefe Ruhe erfüllt. Barfuß gehen, Pflanzen berühren, mit den Füßen im Wasser stehen, den Wind, den Regen oder die Sonne auf der Haut spüren. Verbindung mit der Natur meint auch Ernährung. Über das Essen von Wurzelgemüse kannst Du regelmäßig auf ganz banale Art Erdung erzeugen. Mit bestimmten Düfte, wie die von Nadelbäumen oder Nelken, kannst Du dir die Natur auch gezielt ins Haus holen.

Erdung meint, für einen Moment inne zuhalten. Zu verstehen, dass Du nur im Zusammenspiel mit allem um Dich herum wirkst. Wirklich zu erspüren, dass da etwas ist, was in Wechselwirkung der Gegensatzpaare immer weiter besteht, sich erneuert, unermüdlich. Zurück zu finden zu Deinem Urvertrauen, das in der Verbindung zu Dir selbst und zu allem um Dich herum besteht.

Erdung ist das Empfinden von Urvertrauen.

Urvertrauen ist die höchste Form der Entspannung.

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